Klavierabend Benedikt Huber am 23. September 2018


Wer Benedikt Huber ist, wissen die Freunde klassischer Musik im Berchtesgadener Raum spätestens seit Ende vergangenen Jahres, als er mit Werken von Mozart, Beethoven, Grieg und Chopin seinen ersten öffentlichen Klavierabend im Pfarrheim St. Andreas gab. Publikum und Rezensent waren sich einig, dass es ein voller Erfolg war und man auf einen weiteres Konzert des jungen Künstlers hoffe. Die Hoffnung hat sich nun erfüllt: Am vergangenen Sonntag konnte man dank der Organisation des veranstaltenden Kulturkreises Berchtesgaden seinen zweiten Auftritt an gleicher Stelle erleben.
Diesmal hatte sich Benedikt Huber ein Programm mit durchwegs Komponisten der Romantik ausgesucht, vom frühesten Romantiker Franz Schubert über den Hochromantiker Robert Schumann bis zu Franz Liszt, dessen Werke teilweise schon der Spätromantik zuzurechnen sind. Dabei wählte er kürzere, charakteristische Stücke, die sich dem Hörer leicht erschließen. Das Risiko, dass es sich dabei großenteils um Bekanntes handelt und man Vergleiche mit anderen Interpretationen anstellen kann, ist Benedikt Huber beherzt eingegangen, und so konnte man tatsächlich vergessen, dass es sich „erst“ um einen Musikstudenten handelt.
Den Beginn machten Schuberts Impromptus opus 90, ein Zyklus von vier lyrischen Stücken unterschiedlicher Stimmungen. („Impromptu“ bedeutet soviel wie eine kürzere  improvisierte Fantasie). Sie entstanden 1827 und zählen zu seinen populärsten Klavierkompositionen.
Beim ersten Stück (in c-moll) mit seinem balladenartigen Charakter arbeitet Benedikt Huber besonders deutlich heraus,wie das Hauptthema zunächst  in mehreren Bögen gebunden erklingt, wogegen die Wiederholung in scharfem, marschartigem, fast schon befremdlichem marcato kontrastiert. Dass die Begleitfiguren der linken Hand - die insgesamt vielleicht noch etwas zurückgenommen werden könnte - nicht monoton wirken, erreicht Benedikt Huber besonders durch eine ausgeprägte Dynamik, beispielhaft im Nachspiel mit seinem dreifachen piano und dem wiederholten Schwanken zwischen Dur und Moll bis zum versöhnlichen C-Dur-Schlussakkord.
 Das zweite Impromptu in Es-Dur stellt u.a. die technische Anforderung, in Hauptthema und Reprise jeweils lange Passagen durchgehend  rascher Triolen in der rechten Hand über mehr als vier Oktaven zu spielen, ohne dass es mechanisch oder etüdenhaft klingt. Das gelingt Benedikt  Huber ebenso wie er den Kontrast durch das zweite, trotzige Thema wirkungsvoll darstellt, das recht flott angeschlagen wird. Spannend die allmähliche fließende Rückkehr zum Hauptthema sowie die kraftvolle Steigerung mit mutigem accelerando bis zu den abrupten Schlussakkorden.
Eine ganz andere musikalische Welt eröffnet sich im folgenden Impromptu in der entlegenen Tonart Ges-Dur, das in seiner Nocturne- Atmosphäre schon ein wenig den berühmten Liebestraum von Liszt vorwegnimmt. Scheinbar mühelos meistert Benedikt Huber die technische Schwierigkeit, Melodie und Begleitung mit der rechten, später mit der linken Hand zu spielen und dabei die langen Melodiebögen und die harfenartig arpeggierte Begleitung zu synchronisieren, so dass man an eine dritte Hand denken möchte. Und er wird auch hier der Herausforderung gerecht, trotz der durchgehend gleichförmigen Begleitfiguren die innere Spannung bis zum gefühlvollen Abschluss zu halten.
Im vierten Impromptu in As-Dur lässt Benedikt Huber die Akkordfiguren der rechten Hand wie die  Kaskaden eines Wasserfalls herabrieseln, um sie dann bei  Einsetzen des ausgedehnten und prägnanten ersten Hauptthemas dezent zurücktreten zu lassen. Er erliegt nicht der Versuchung, im Mittelteil die vollen Begleitakkorde gegenüber den darüber schwebenden gesanglichen Melodiebögen zu stark anzuschlagen. In einer fulminanten Steigerung bringt er dieses ausgedehnte und technisch wie musikalisch anspruchsvolle Werk zum kraftvollen Abschluss.
Die Schubert-Lieder „Gretchen am Spinnrade“ und „Lebe wohl“ sind dem Musikfreund bekannt, kaum dagegen ihre Bearbeitungen für Klavier allein von Franz Liszt, mit denen der Komponist für die seinerzeit noch wenig verbreitete Musik Schuberts eintreten wollte. Eine reizvolle Idee in der  Programmfolge, sie den vorausgegangenen Impromptus folgen zu lassen und damit einen Vergleich in den Kompositionsstilen wie auch im Vortrag ziehen zu können!
 Beide Lieder folgen im Aufbau weitgehend den Originalen und stellen die Melodie in den Vordergrund. Natürlich lässt Liszt die technischen Möglichkeiten des Klaviers, wie sie dem damaligen Musikgeist entsprachen, nicht ganz ungenutzt; das zweite Lied enthält auch einen kleinen virtuosen Ausflug, den Benedikt Huber jedoch dezent hält und nicht in den Vordergrund rückt. Im übrigen folgt er wirkungsvoll der Dramaturgie der Lieder: Leise Vorstellung des Themas mit den typisch Schubert'schen ostinaten Begleitfiguren – nach kurzem Innehalten lange Steigerung bis zum Höhepunkt – rasches Abebben bis zum Schluss, ohne dabei ins Triviale oder Bombastische abzugleiten. Überhaupt klingt aus Benedikt Hubers überzeugender Interpretation nicht Liszt, der sich Schubertscher Melodik bedient, sondern  – auch ohne Liedtext -  Schubert mit  Liszt'scher Unterstreichung und Ornamentik.
Robert Schumann lag die musikalische Ausbildung der Jugend zeitlebens am Herzen, und so  komponierte er zahlreiche Werke für die Jugend und von der Jugend. 1838 schrieb er an seine Braut: „...und habe ich da an die 30 kleine putzige Dinger geschrieben, von denen ich etwa zwölf ausgelesen und Kinderscenen genannt habe...“  Diese Kinderszenen sind freilich keine Stücke für Kinder, sondern Erinnerungen an die Kindheit, die – wie die Natur - in der Romantik verklärend als Gegenpol zum Alltag gesehen wurde. Schumann bezeichnete sie als „Rückspiegelungen eines Älteren für Ältere“. Mit einfachen musikalischen Mitteln sowie untermalenden Titeln zeichnet er  musikalische Miniaturen voll unvergleichlicher Poesie. Das verlangt vom Interpreten in besonderem Maße innere Übereinstimmung mit jedem Musikstück; die spieltechnischen  Ansprüche erlauben es ihm, sich hierauf voll zu konzentrieren. Nicht ohne Grund gibt es Einspielungen auch der berühmtesten Pianisten. Eine Herausforderung also an den Solisten des Abends! Und Benedikt  Huber hat sich ihr überzeugend gestellt.
Von den insgesamt 13 Miniaturen seien hervorgehoben: Die poetisch dahingehauchten Schlüsse in Nr. 1 („Von fremden Ländern und Menschen“) , in Nr. 2 („Kuriose Geschichte“), in Nr. 13 („Der Dichter spricht“) und in Nr. 4 („Bittendes Kind“) mit dem  überraschenden Schlussakkord in der  Dominante, den Benedikt Huber im Raum schweben lässt; dann die im echten Sinn romantische, aber nicht sentimentale Gestaltung mit durchwegs gefühlvollem Anschlag in der bekannten „Träumerei“ (Nr. 7); ferner der atemberaubende Rhythmus in Nr. 9 („Ritter vom Steckenpferd“) und der mitreißende Fluss der Nr. 6 („Wichtige Begebenheit“); schließlich die recht rasch dargebotene, aber doch inneres Glück nachempfindsam ausdrückende  Nr. 5 („Glücks genug“). Zusammengefasst: Eine in lyrischen wie dramatischen Passagen gleichermaßen schon weit ausgereifte Interpretation,  welche dem Zuhörer die romantische Musikauffassung des Komponisten Robert Schumann nahe bringt.
Dem etwas schüchternen Beifall vor der Pause folgte am Ende des Konzerts ein begeisterter Schlussapplaus der ca. 130 Besucher, unter denen sich erfreulicherweise auch viele junge Leute befanden. Er galt in erster Linie dem musikalischen Vortrag, aber auch dem angenehm unprätentiösen Auftreten Benedikt Hubers. Dieser blieb mit dem Schubert'schen  Impromptu opus 142 Nr. 2 als Zugabe seinem Programm romantischer Musik treu. Seinem Ziel, dass die Menschen sich mehr mit klassischer Musik beschäftigen, ist er durch diesen gelungenen Konzertabend ein Stück näher gekommen. Dass der Kulturkreis Berchtesgaden  in absehbarer Zeit einen weiteren Abend mit Benedikt Huber ankündigt, kann also nur eine Frage der Zeit sein!
Roland Beier, 24.09.2018